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[DE] AWMF – S3-Leitlinie zur Tabakentwöhnung aktualisiert – Harm Reduction vernachlässigt

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) haben nun die S3-Leitlinie “Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung1 überarbeitet und veröffentlicht. Diese Leitlinie soll eine Hilfestellung für Mitarbeitende im Gesundheitssystem für die Diagnostik des Rauchstatus und mögliche Therapieansätze liefern. Diese überarbeitete Fassung hat eine Gültigkeit vom 01.01.2021 – 31.12.2025. Beteiligt an der Ausarbeitung sind diverse medizinische Fachgesellschaften, u.a. die “alten Bekannten” wie der DGP e.V. , WAT e.V. und ABNR e.V. (in Form von Mitautorin Dr. Pötschke-Langer).

Eines Vorweg: es wurde wieder einmal die große Chance vertan die E-Zigarette als Mittel zur Tabakschadensminimierung zu platzieren.

Die Leitlinie beinhaltet mit Kapitel 4.2 (S.70 ff.) auch das Thema Harm Reduction. Autoren dieses Kapitels sind Martina Pötschke-Langer, Kay Uwe Petersen, Thomas Hering, Christoph Kröger, Ute Mons, Thomas Polak, Tobias Rüther, Anil Batra. Es wird zwar nicht grundlegend negativ über die E-Zigarette geschrieben, aber auch nicht wirklich positiv:

Wenn durch die Reduktion kein Rauchstopp erzielt werden kann, ist eine vollständige Substitution des Zigarettenkonsums durch nikotinhaltige rauchfreie Produkte als eine weniger gesundheitsgefährdende Alternative zu einem „dualen Konsum“ mit kombiniertem Konsum einer Form von Substitution und Zigaretten anzusehen.

Im Kapitel 4.2.3. Schlüsselempfehlungen gibt die Leitlinie folgende Empfehlungen in Bezug auf E-Dampfprodukte, Tabakerhitzer und Nikotinersatztherapien:

“4.2.3.1 Elektronische Zigarette (E-Zigarette) – E-Zigaretten sollten zur Reduktion des Zigarettenkonsums nicht angeboten werden.”

Begründet wird dies mit:

Da die Studienlage keine belastbaren Hinweise auf eine Schadensminderung bei Dual Use gibt, sollte die E-Zigarette nicht zur Reduktion des Zigarettenkonsums angeboten werden.

Hier muss ein großes Veto eingelegt werden: es gibt mittlerweile genügend Studien, welche belegen, dass der Umstieg vom Rauchen auf das Dampfen bei der Tabakentwöhnung definitiv helfen, sowie auch eine gesundheitliche Verbesserung nach dem Umstieg einstellt 2.

Bei Tabakerhitzern wird ähnlich argumentiert:

In der Zusammenschau verfügbarer Daten kann daher bisher keine Empfehlung zum Einsatz von Tabakerhitzern zur Schadensminderung abgeleitet werden.

Zur Nikotinersatztherapie steht geschrieben:

4.2.3.3 Nikotinersatztherapie (NET) zur Reduktion des Tabakkonsums – Raucherinnen und Rauchern, die ihren Tabakkonsum reduzieren wollen, ihn aber nicht aufgeben wollen oder aufgeben können, sollte als Hilfeleistung Nikotinersatztherapie angeboten werden.

Obwohl die NET empfohlen wird

Es ist daher unklar, ob NET die effektivste Methode zur Harm Reduction ist und ob sie klare Vorteile gegenüber anderen Methoden besitzt.

Dennoch wird – angesichts der beschränkten Datenlage – nur ein Empfehlungsgrad B ausgesprochen.

Des Weiteren werden folgende Empfehlungen für zukünftige Forschungen gemacht:

  1. Randomisierte kontrollierte Langzeit-Studien zur Wirksamkeit von E-Zigaretten und anderen Maßnahmen hinsichtlich gesundheitlicher Effekte der Harm Reduction fehlen und sollen durchgeführt werden.
  2. Randomisierte kontrollierte Langzeit-Studien zu nachteiligen Wirkungen von E-Zigaretten und verwandten Produkten bei alleinigem oder dualem Konsum fehlen und sollen durchgeführt werden

Das ist der Wolken-Gegner liebstes Totschlagargument, fehlende Langzeit-Studien. Die E-Zigarette ist nun über 10 Jahre auf den Markt, in dieser Zeit hätten hier in Deutschland schon so manche Langzeit-Studie durchgeführt werden können! Ich habe da eher den Eindruck, dass ist nicht gewünscht.

Zudem ist an dieser Stelle zu sagen, dass in dieser Leitlinie der aktuelle Cochrane Report “Electronic cigarettes for smoking cessation3 zur E-Zigarette und Rauchentwöhnung von Oktober 2020 komplett fehlt, hingegen die Publikation des DKFZ, “E-Zigaretten und Tabakerhitzer – ein Überblick4 von Oktober 2020 sehr wohl in der Leitlinie berücksichtigt wurde. Ein Schelm der Böses dabei denkt.

Im Prinzip fordert die Leitlinie “totale Abstinenz” mit Hilfestellungen (Beratung etc.) welche in der Praxis und im Alltag nicht wirklich hilfreich sind.

Prof. Dr. Heino Stöver, Suchtforscher ISFF, fasst die überarbeitete Fassung der Leitlinie auf Twitter 5 wie folgt zusammen:

Die heute veröffentlichte AWMF-Leitlinie t1p.de/els0 fährt weiterhin einen rückwärtsgewandten Kurs. Zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse zur Rolle der #eZigarette in der #Rauchentwöhnung werden ignoriert & Ärzten und Patienten ein zentrales Instrument verwehrt.

Weiter kritisiert Prof. Dr. Stöver 6

Den Schaden haben die Raucher. Gewohnheiten lassen sich am nachhaltigsten in kleinen Schritten ändern. Die Empfehlung von risikoreduzierten Alternativen gehört zu einer seriösen und erfolgsorientierten Suchtberatung.

Dazu hat er auch eine Pressemitteilung veröffentlicht: “Chance für realitätsnahe Prävention vertan, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert7

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Weiterführende Informationen

Quellen

  1. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/076-006.html
  2. Siehe Studiendatenbank in der Kategorie Gesundheit und Rauchstopp: https://ch-lippmann.de/blog/dampffreiheit/studien/
  3. https://ch-lippmann.de/blog/dampffreiheit/2020/10/uk-cochrane-rauchstopp-erfolgreich-mit-e-zigarette/
  4. https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/sonstVeroeffentlichungen/E-Zigaretten-und-Tabakerhitzer-Ueberblick_Oktober_2020.pdf
  5. https://twitter.com/HeinoStoever/status/1351537044988833795
  6. https://twitter.com/HeinoStoever/status/1351835121465372673
  7. https://www.presseportal.de/pm/136903/4816815

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